In der Süddeutschen Zeitung erschien am 12. Juli 1997 folgendes Interview mit Richard Seibt, Geschäftsführer für den Bereich Software bei IBM Deutschland:

Wer gewinnt im Konsumentenmarkt?

Windows von Microsoft ein "Auslaufmodell" / Das Betriebssystem OS/2 wird neu positioniert

Stuttgart, 11. Juli - Eine Neupositionierung des Betriebssystems OS/2 hat der Computerhersteller IBM in Angriff genommen. Das System soll vor allem für den kommerziellen Einsatz in Unternehmen und Organisationen weiterentwickelt werden. Besonders die Netzfähigkeit des Systems werde vorangetrieben, hieß es kürzlich bei der IBM Deutschland Informationssysteme GmbH in Stutgart. Zur Strategie befragte die SZ deren Geschäftsführer, Richard Seibt. 

SZ: IBM gibt offenbar bei ihrem Betriebssystem OS/2 Warp den Konkurrenzkampf um die privaten Endnutzer auf. "Die Schlacht im Consumermarkt" hat jetzt der General Manager von IBM Europa, Bill Etherington, zugegeben, "ist an Windows 95 verloren." Was hat die IBM, die noch vor einem Jahr mit einer aufwendigen Kampagne den Konkurrenten Microsoft stellen wollte, falsch gemacht?

SEIBT: Das von Windows dominierte Modell im Consumermarkt ist bereits ein Auslaufmodell. Hier hat sich IBM beschlossen, sich nicht mehr daran zu beteiligen, sondern bereits eine Stufe weiter zu gehen - in das Zeitalter von Network Computing. Hier dominieren das Internet und die auf Serverrechnen gelagerten Anwendungen den Markt. Auf diese Situation haben wir OS/2 Warp sukzessive ausgerichtet. Wir sehen insbesondere, daß der Consumermarkt sich inzwischen anders darstellt: Die Hauptzugpferde sind hier Killeranwendungen, die über das Netz geliefert werden. Beispiele sind Internet-Banking oder die elektronische Steuererklärung. Die Haupttriebkraft im Consumermarkt werden in Zukunft Unternehmen sein, die ihren Privatkunden einen Zusatznutzen bringen wollen. Banken, Versicherungen oder auch der hoffentlich "schlanke Staat". Und hier sind wir daran, zusammen mit Partnern einiges zu bewegen - sowohl für OS/2 Warp als auch für andere Systeme.

SZ: Steigt die IBM bei OS/2 nun schrittweise aus dem Geschäft mit privaten Nutzern aus?

SEIBT: Nein. Selbstverständlich kann jeder private Nutzer weiterhin OS/2 Warp bei seinem Fachhändler erwerben. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Wir propagieren OS/2 Warp jedoch vor allem als das ideale Geschäftssystem. Denn es bietet derzeit als das einzige Betriebssystem im Bereich der Intel-Maschinen sowohl die Zuverlässigkeit als auch die Ausbaubarkeit, die ein Unternehmen für die geschäftskritischen Anwendungen benötigt. Mit der jüngst angekündigten Verbesserung der Vernetzungsfähigkeit - insbesondere die verbesserte Anbindung von Telearbeitsplätzen mit Hilfe des OS/2 Warp Servers - sind wir sehr weit vorn. Im übrigen ist IBM der einzige Softwarehersteller, der seine Serveranwendungen plattformübergreifend anbietet. Nicht zuletzt geben uns die Erfolgszahlen recht. Im Softwarebereich sind wir mit 13.1 Millarden Dollar Umsatz mit Abstand der weltweit größte Softwarehersteller. 

SZ: Werden Sie das System OS/2 auch für den privaten Nutzer weiterentwickeln? 

SEIBT: Selbstverständlich. Wir denken, daß der OS/2 Nutzer, sofern er Privatanwender ist, das Geschäftliche mit dem Privaten verbinden will. Daher werden wir selbstverständlich auch alle Funktionen, die der Privatanwender in der Zukunft benötigt, einbauen. Das sind sowohl Internet und Multimedia als auch weiter verbesserte Benutzerfreundlichkeiten. Insbesondere die bereits vollzogene Integration des Internet-Esperanto Java kommt voll dem Einzelanwender zugute. Das weitet den für ihn verfügbaren Fundus an Software enorm aus. Die zunehmende Akzeptanz von Java bei den Entwicklern bestätigt uns voll.

Interview: Felix Spies

Quelle: IBM, 14-July-97


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