Workspace on Demand, eine NT- Software-Initiative, Network Computing, Java und OS/2 als "strategische Plattform" - wie paßt das alles zusammen? c't sprach Anfang Oktober in Frankfurt exklusiv mit John M. Thompson, Senior Vice President and Group Executive IBM Software Group, über diese Themen.
c't: Weltgrößter Softwarehersteller - was glauben Sie, wie viele dabei an IBM denken?
Thompson: Ich weiß, was Sie meinen. IBM wird immer noch vorwiegend als Hardwarehersteller gesehen. Software wurde zwar immer schon bei IBM entwickelt, aber vor allem mit dem Zweck, Hardware zu verkaufen. Das sieht heute ganz anders aus. Wir haben 1995 eine eigene, unabhängige Softwareorganisation mit eigenem Marketing und Vertrieb geschaffen, die aus mehr als einem Dutzend bestehender Unternehmensteile entstand. Wir liefern heute Software für alle erdenklichen Plattformen, sowohl von IBM als auch von Mitwerbern. Und es gelingt uns immer mehr, das auch zu kommunizieren. Denken Sie etwa an die vielbeachtete Markteinführung des DB2 Universal Server, der landauf, landab alle Vergleiche für sich gewinnt. Wir sind sehr erfolgreich mit der MQSeries Middleware, Lotus Domino und Tivoli.
c't: Sie sind offenbar sehr gut in der Lage, die angestammten Großkunden zu bedienen. Wie aber wollen Sie mittlere und kleinere Kunden gewinnen?
Thompson: Wir sprechen diese Kunden vor allem über Kanäle wie VARs (Value Added Resellers) und Systempartner an. Wir haben in den letzten beiden Jahren rund 11 000 Partner gewinnen können und haben noch einmal etwa 15 000 Lotus Business Partner. Darüber hinaus haben wir das Solution Developer Program unter der Leitung von Jeff Mason ins Leben gerufen. Technischer Support und Service wurden gerade im Internet bereitgestellt, wo sie von allen erreichbar sind. VARs helfen uns, maßgeschneiderte Lösungen für alle möglichen Branchen anzubieten. Gerade kleine Kunden sind sehr lösungsorientiert. Sie kaufen keine Technologien, sondern fertige Lösungen. Das ist der besondere Wert des San Francisco Framework. Es versetzt VARs in die Lage, sehr schnell solche Lösungen aus fertigen Bausteinen zu assemblieren.
c't: Was ist der aktuelle Status des San Francisco Project (einem Java-basierenden Framework, Anm. d. Red.)?
Thompson: Wir haben eine erste Release an 150 ISVs (Independant Software Vendors) herausgegeben. Im Januar, oder Ende diesen Jahres, den Termin habe ich nicht parat, werden wir mit einer weiteren Release folgen. Etwa zur Mitte des nächsten Jahres werden wir dann endgültig veröffentlichen. Das Interesse an diesem vollständig Java-basierenden Framework ist derart groß, daß wir derzeit weitere ISVs abweisen müssen, die ebenfalls mitmischen wollen. Wir konzentrieren uns lieber auf die, die wir schon haben, denn wir können im Augenblick einfach noch nicht mehr betreuen. Und wir wollen das unbedingt im ersten Anlauf schaffen. Noch ist es sehr früh, wir sind noch etwa zehn Monate voraus. Aber ich kann Ihnen versichern: San Franciso ist viel besser, als von den meisten erwartet.
c't: Java scheint sich langsam zu einem Rennen mit zwei Pferden zu entwickeln: Java auf der einen Seite und Microsoft auf der anderen. Wie sehen Sie die Situation?
Thompson: Microsoft hat es zunächst mit der bislang erfolgreichen Methode Embrace and extend´ versucht. Das scheint diesmal nicht so zu funktionieren. Das schließe ich daraus, daß sich Bill (Gates, Anm. der Red.) offenbar vor zwei Wochen entschieden hat, Java nun zu bekämpfen. Von der Website wurden alle Java-Applets entfernt, sofern das überhaupt so schnell möglich war. Zugleich beginnt Microsoft einige Arme rumzudrehen, um Leute dazu zu bewegen, schlechte Nachrichten über Java zu verbreiten. Einige der Kritikpunkte sind dabei richtig, die meisten aber falsch.
Darum geht es aber gar nicht. Bill scheint zu glauben, alles wieder unter Kontrolle zu bekommen. Das Microsoft-Thema lautet nun: Java ist einfach eine weitere Sprache. Und das stimmt absolut nicht. Java steht vielmehr für die Aussicht, Software nur einmal zu schreiben und dann auf beliebige Plattformen zu skalieren. Noch ist Java gerade einmal zwei Jahre alt. Da funktioniert sicher noch nicht alles so perfekt wie versprochen. Aber vergleichen Sie einmal Java mit beliebigen anderen Sprachen und wie lange deren Entwicklung dauerte, seien es C, C++, COBOL oder auch Visual Basic. Es gibt heute bereits mehr als 400.000 Java-Entwickler, nach einer so kurzen Zeit.
Microsoft glaubt, mit einer einzigen Plattform alle Probleme lösen zu können. Sie bestreiten den Bedarf an Crossplattform-Entwicklungen. Wir wissen es besser, und wir haben es selbst auf die harte Tour lernen müssen. Die Spielchen, die Microsoft jetzt spielt, hier ein API wegzulassen oder nicht zu unterstützen, führen zu nichts. Java wird auf NT laufen - so oder so. Wenn Microsoft es nicht vollständig liefert, dann wird es ein anderer tun, dann liefern wir es.
Java wird die bisher geltenden Regeln ändern. Das läßt sich nicht mehr zurückdrehen, auch nicht von Microsoft. Es ist zu spät, oder um bei Ihrem Beispiel zu bleiben: Die Pferde haben den Stall verlassen.
c't: Es gibt eine Reihe von Gerüchten um OS/2 Warp. Es heißt, nächstes Jahr gäbe es vielleicht doch kein neues Release, es stünde kein Geld für die Weiterentwicklung zur Verfügung. Sie sind die ultimative Informationsquelle, deshalb die Frage an Sie: Wie steht es um die OS/2-Entwicklung?
Thompson: Lassen Sie mich zuerst einmal klarstellen: Es wird nächstes Jahr ein neues OS/2-Release geben. Wir investieren weiterhin jährlich 150 Millionen US$ in die OS/2-Entwicklung ...
c't: Für den Client oder gilt das für Client, Server und Anwendungen?
Thompson: Das gilt für Client und Server, nicht aber für OS/2-Anwendungen. Das sind die Aufwendungen für unser Entwicklungslabor in Austin, Texas, wo Client und Server weiterentwickelt werden. Wir richten uns dabei klar an den Wünschen unserer großen Kunden aus, die Prozesse entwickelt haben, die vollständig auf OS/2 basieren. Neue Anwendungen werden hier vorwiegend mit Java entwickelt, und wir sorgen für eine gut fundierte Unterstützung im Betriebssystem und bei den Netzwerkfunktionen. So werden wir nächstes Jahr beispielsweise IP 6 bringen.
c't: Der Schalterangestellte in der Bank wird sich vermutlich gar nicht darüber im klaren sein, mit welchem System er arbeitet. Unabhägige Softwarehersteller, wie Brad Wardell von Stardock, beschweren sich sehr deutlich, daß so kein Markt entsteht, in dem sie Software verkaufen können. Diese Softwarehersteller leben doch gerade von den Endkunden, die von OS/2 als dem besten Betriebssystem überzeugt sind. Warum können Sie einen solchen Markt nicht erzeugen, fehlen dazu die Ressourcen?
Thompson: Sie reden hier von einem Marktsegment, das zu beinahe 90% von Microsoft dominiert wird. Wenn Sie Softwarehersteller dazu bewegen wollen, in dieser Situation Software für ein anderes System anzubieten, dann werden sie Ihnen sagen: Ich kann das entwickeln, aber dann mußt Du mir das bezahlen. Wenn Sie bezahlen, dann setzt der Hersteller vielleicht sein zweitbestes Team daran, und dann bekommen Sie, wenn Sie Glück haben, vielleicht auch die zweitbeste Software.
In dieses Faß ohne Boden schütte ich kein Geld. Wir müßten eine Milliarde US-$ jährlich dort hineinpumpen, und das bei einem sehr schlechten Return. Was wird die Dominanz von Microsoft brechen? Sicherlich nicht ein zweites Microsoft. Das kommt aus einer ganz anderen Richtung. Wir haben damals die Mini-Computer übersehen, und dann hat DEC hier einen ganz neuen Markt kreiert, der uns schwer zu schaffen gemacht hat. DEC wiederum wurde vom PC überrascht ...
c't: Dazu gibt es ein paar berühmte Aussagen von Ken Olsen.
Thompson: Exakt. Und nun wird die nächste Welle rollen mit allen möglichen Geräten, angefangen von NCs, über PDAs, Settop-Boxen, WebTVs und so weiter bis hinunter zu Smartcards. Bill weiß das. Was meinen Sie, warum er soviel in den Kauf von WebTV investiert hat? Diese neuen Geräte werden aber keineswegs alle mit Windows laufen. Einen dominierenden Anbieter wird es hier nicht wieder geben. Dieses Feld wird vielmehr von Java dominiert werden.
c't: Wie paßt die große IBM-Initiative für Windows NT zu diesen Aussagen?
Thompson: Windows NT ist ein Markt, den ich nicht ignoriere. Dazu bin ich zu sehr Geschäftsmann. Schauen Sie, IBM hat etwa einen Gesamtmarktanteil von 28%. Ich habe mich entschieden, Software nicht nur für die eigenen Plattformen anzubieten, sondern für den größten Teil des Gesamtmarktes, nicht 100, aber vielleicht 80%. Wir können viel mehr erreichen, wenn wir auf dieser breiten Basis operieren, als wenn wir nur für unsere eigenen Systeme anbieten. NT hat derzeit einen Markanteil von 7 bis 9% des Servermarktes; und er wächst sehr schnell. Das kann man nicht ignorieren. Betrachten Sie einfach den Wert eines Servers: Nehmen Sie einen IBM Netfinity Server, mit Systemmanagment, Middleware, Messaging und Datenbank von IBM. Welchen Anteil hat da NT? Ein NT mit Backoffice täte mir schon wesentlich mehr weh. Ich bin sicher, daß Microsoft etwa Produkte wie den MS-SQL-Server bundeln wird und dann Millionen von Lizenzen zählt. Aber die Leute, die wirklich eine Datenbank brauchen, nehmen dann vielleicht einen MS-SQL-Server oder einen Oracle Server oder einen DB2 Universal Server. Um dieses Geschäft geht es mir. Meinen Sie, es wäre besser, auf den Händen sitzenzubleiben und darauf zu verzichten?
c't: Welche Rolle wird PSP (Personal Software Products, verantwortlich für OS/2) in Zukunft haben?
Thompson: PSP wird OS/2 Client und Server weiterentwickeln. Und sie werden die Produktverantwortung für JavaOS haben, das wir gemeinsam mit Sun entwickeln. Bisher packt man ja eine JavaVM auf einen bestehenden Betriebssystemkern. Wir werden zusätzlich ein eigenständiges Java OS entwickeln. In Austin gibt es sehr viel Betriebssystem-Know-how, das wir dafür brauchen.
c't: Wie nehmen ihre Kunden das neue Workspace on Demand auf (die OS/2-Version für Netzwerk Computer, bislang unter dem Name Bluebird bekannt, Anm. d. Red.)?
Thompson: Bisher sind die Reaktionen sehr positiv. Aber solche Kunden bewegen sich eher langsam und vorsichtig. Sie werden das Angebot erst gründlich prüfen, bevor Sie es in großer Breite einsetzen. Es ist deshalb noch viel zu früh, den Erfolg zu bewerten oder auch nur vorauszusagen. In jedem Fall begrüßen Sie die Möglichkeit, Network Computing und Java auf einer soliden Plattform mit vorhandenen Anwendungen zu kombinieren.
c't: Wir sprachen eingangs von IBM als größtem Software-Hersteller. Wird IBM in fünf Jahren noch der größte sein?
Thompson: [Lacht] Das hängt davon ab, wie Sie zählen. Wie Sie vielleicht wissen, reden wir von reinen Software-Umsätzen, nicht aber von Service, Beratung und anderen Integrationsleistungen. Das ist bei den anderen Software-Herstellern anders. Microsoft wächst derzeit mit rund 30%, während unser Wachstum viel kleiner ist. Mein Portfolio besteht zu zwei Dritteln noch aus Hostsoftware. Dieser Bereich wächst nicht, weil wir die Preise stark reduzieren. In den anderen Bereichen aber haben wir derzeit ein jährliches Wachstum von 35%.
c't: Was sind ihre Ziele für die nahe Zukunft?
Thompson: Wir möchten Marktführer in sechs Bereichen sein. Das sind: Datenbanken, Transaktionsverarbeitung, Groupware und Messaging, Anwendungsentwicklung, Networking und Systems Managment. Das ist uns bisher nur in vier von diesen sechs Bereichen gelungen. Bei den Datenbanken ist im Unix-Segment derzeit Oracle noch vorn. Aber Larry Ellison hat uns jetzt als Konkurrenz wahrgenommen. [Lacht]. Bei den Hostsystemen liegen dagegen wir vorne. Der NT-Bereich ist noch völlig offen. Im Systems Management wackelt es noch zwischen uns und Computer Associates hin und her, aber da ist unser Wachstum derzeit viel größer. Das werden wir wohl noch dieses Jahr schaffen.
c't: Herr Thompson, wir danken für das Gespräch.
Quelle: c't, 6-Nov-97