PC Professionell - Ausgabe 5/98

Special Betriebssysteme

OS/2 Warp

Trotz IBMs einseitiger Marketing-Strategie und der geringen Akzeptanz im SOHO-Markt sprechen viele Gründe für den Einsatz von OS/2.

Von Alexander Hoff und Markus Urbanczyk

Bereits bei der Architektur zeigt OS/2, daß es auf Stabilität und Zuverlässigkeit ausgelegt ist. OS/2 nutzt dafür drei der vier bei x86-Prozessoren möglichen Schutzebenen. Ein weiterer Vorteil der OS/2-Architektur ist der modulare Aufbau. Da kein wesentliches Modul Bestandteil des Kerns ist, lassen sich diese ohne Probleme austauschen. Dies gilt beispielsweise für die Netzwerkunterstützung und die Arbeitsoberfläche Workplace Shell (WPS).

Das Dateisystem von OS/2 ist HPFS. Es läßt das veraltete Fat/VFat-Dateisystem in jeder Hinsicht weit hinter sich. Bei der maximalen Partitions- und Dateigröße existieren nur theoretische Grenzen, lange Dateinamen sind selbstverständlich, und verschwendeten Platz durch unvollständig gefüllte Cluster oder Fragmentierung gibt es nicht. Durch die geschickte Aufteilung der Partitionen und die Sektor- statt Cluster-basierte Verwaltung arbeitet HPFS wesentlich effizienter und ist sicherer als beispielsweise VFat. OS/2 zeigt sich hinsichtlich der Filesysteme flexibel: Es unterstützt beispielsweise das Ext-2- (Linux) oder HFS-Filesystem (Mac) durch Installable File Systems (IFS).

Internet und Bedienung

Schon seit Warp-3-Connect-Zeiten verfügt OS/2 über eine leistungsfähige, integrierte Netzwerk- und Internet-Unterstützung. Highlight ist hierbei die TCP/IP-Implementation, die gute Konfigurierbarkeit und hohe Performance vereint. Die dem OS/2-Paket beiliegenden Clients werden diesem Standard mit Ausnahme des Netscape Navigator inzwischen nicht mehr gerecht. IBM verläßt sich auf die Lösungen von Drittherstellern. Darüber hinaus bietet OS/2 eine Integration von TCP/IP und Internet in die Oberfläche, was inzwischen aber eine Modernisierung vertragen könnte. Auf diesem Gebiet tut sich bei IBM, wie so häufig in Sachen OS/2, recht wenig. Gleiches gilt auch für den Novell-Client, der sich seit jeher nicht gerade durch eine vorbildliche Bedienung und Integration in WPS auszeichnet. Daran hat auch das aktuelle Update nicht viel geändert.

Die Arbeitsoberfläche WPS setzt sowohl in der Produktivität als auch in der Erweiterbarkeit Maßstäbe. Durch die objektorientierte, auf SOM basierende Architektur lassen sich zusätzliche Funktionen wie eine ZIP-Unterstützung leicht implementieren. Die eingebaute Programmiersprache Rexx erlaubt das Erstellen eigener Funktionen.

Softwareverfügbarkeit und Kompatibilität

OS/2 ist DOS- und Windows-3.1-kompatibel. In Sachen 32 Bit respektive Win32s sieht die Sache weit weniger rosig aus. Win32s wird nur bis zur veralteten Version 1.25 unterstützt, Windows-95-Anwendungen laufen gar nicht. Abhilfe schaffen könnte das Win32-Projekt (derzeit noch in der Alpha-Phase, die Fertigstellung ist für Ende dieses Jahres geplant). Damit lassen sich bestehende 32-Bit-Windows-Anwendungen in native OS/2-Anwendungen konvertieren. Allgemein sieht es bei der Verfügbarkeit von Software deutlich schlechter aus als unter Windows. Wer zum Beispiel im Multimedia-Bereich tätig ist, kann OS/2 nicht viel abgewinnen.

OS/2 ist für den Einsatz im Netzwerk prädestiniert, die starke Verbreitung im Versicherungs- und Finanzbereich spricht für sich - obwohl sich auch hier NT aufmacht, OS/2 den Garaus zu machen. Wer OS/2 privat einsetzen möchte, muß sich über eine Sache im klaren sein: IBM mißt dem Endanwendermarkt nicht die geringste Bedeutung bei. Daraus folgt beispielsweise, daß Noname-Hardware oft nicht läuft. Anwender, die sich nicht selbst zu helfen wissen, sind bei OS/2 falsch. Andererseits gibt's für OS/2 viel Shareware und eine idealistische OS/2-Fangemeinde.


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Quelle: PC Professionell - Ausgabe 5/98 
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